Steuerintermezzo mit Folgen



Man könnte denken, der Stress würde im Universum gleichmässig auf die verschiedenen

Zellhaufen verteilt. Ein Irrtum. Ich glaube, dieser grosse Irrtum wurde noch nicht richtig

untersucht. Ein Fehler. Wenn man mich fragt. Darüber sollte es mal ein

Forschungskolloquium geben. Und bevor es jemand von euch sagt: Nein, das hat nichts mit

der subjektiven Wahrnehmung zu tun. Ich werde vom Universum gemobbt. Massiv. Es

versucht mich, an den Rand zu drängen und in den Graben der Milchstrasse zu stossen. Am

liebsten hätte es wohl, wenn meine Burg gleich mit in ein schwarzes Loch fallen würde.

Warum ich so pessimistisch bin? Ein Wort: Steuern. Wenn man denkt, dass es nicht mehr

schlimmer kommen kann, dann kommt einer von den Steuern. Damit will ich überhaupt nicht

gegen die Steuern lästern. Steuern sind wichtig. Mit Steuern zahlen wir Strassen, Förster,

Kindergärten, Polizei, Tierheime, Spitäler, Schulen. Steuern müssen sein. Aber Mann,

warum, warum, müssen es immer Leute sein, die Nachfahren von Henkersgilden sein

könnten, die die Steuern einfordern? Warum kann es nicht ein netter, junger, sportlicher

Mann sein, der einen darauf aufmerksam macht, dass unsere Familie noch sehr viel Geld an

den Staat bezahlen sollte?

Nein, wir hatten nie Glück mit den Steuerleuten. Herr Strauch ist einfach der Letzte in einer

langen Reihe. Und auch hier schien der Gemeinheitsfaktor mit jeder Generation stärker

geworden zu sein. Herr Strauch macht kein Geheimnis daraus, dass er Adelstitel lächerlich

findet und der Meinung ist, wir würden uns für etwas Besseres halten. Dafür müssten wir

bezahlen. Schliesslich hätten unsere Vorfahren dem einfachen Volk die Steuern

abgenommen und das Geld verprasst. Es hilft nichts, wenn man ihm erklärt, dass unsere

Vorfahren sehr modern waren und die Bauern und Pächter nur moderate Abgaben leisteten.

Es hilft auch nichts ihm zu zeigen, dass wir völlig verarmt und überschuldet sind. Er hasst

uns. Und mich scheint er ganz besonders dumm zu finden. Leider muss ich mich am meisten

mit ihm abgeben, denn er kommt gerne unangekündigt vorbei. Mit Akten.

Heute war so ein Tag.

Ich war daran, die Päckchen für den Versand vorzubereiten und die letzten Bestellungen zu

verbuchen – das braucht ziemlich viel Zeit – als es am Tor klingelte.

Und dann gleich nochmals.

Dann fing mein Telefon an zu vibrieren. Herr Strauch.

Ich wusste nicht, ob ich das Telefon abnehmen oder an die Türe rennen sollte. Ich tat

beides. Das war ein Fehler. Kaum hatte ich die Treppe erreicht und „Hallo“ gesagt, hörte ich

seine Stimme vorwurfsvoll „Ich kann mir vorstellen, dass Sie es gewohnt sind, das niedere

Volk vor dem Tor warten zu lassen, es wäre jedoch angemessen, wenn sie mir die Türe

öffnen würden. Ansonsten steht mir immer noch die Möglichkeit offen, die Polizei

einzuschalten.“

Ich trug meine Hausschuhe, die die Form von Tigertatzen haben. In einer Burg ist es nicht

gerade warm und wie gesagt, ich war alleine.

Es ist ein Fehler, mit übergrossen Schuhen eine Treppe runterlaufen zu wollen und

gleichzeitig einen Wutanfall zu unterdrücken. Ich stolperte und fiel.

„Aaahhh“, war alles, was Herr Strauch auf seine Anti-Adels-Schimpftirade zu hören bekam.

Dann war es still. Ich erschrak ziemlich, denn ich bin noch nie eine Treppe runtergefallen.

Wenn man in so vielen Schlössern und grossen Häusern rauf und runterläuft, wie Stella und

ich es in unserer Kindheit tun durften, dann ist man geübt. Ich hätte die Treppe auch in

hohen Absätzen geschafft. Doch mit einem Anti-Adels-Steuerfahnder und Tigertatzen war es

zu viel. Ich fiel.

Das Telefon lag neben mir. Ich hing unelegant in der Treppe. Halb auf, halb neben dem

letzten Treppenabsatz.

„Sind Sie noch da? Was ist passiert? Leben Sie noch?“ Die Stimme von Herrn Strauch

enthielt so etwas wie Mitgefühl. Vielleicht war es auch Angst vor der Haftung. Ich griff zum

Telefon.

„Ich bin die Treppe runtergefallen. Warten Sie. Ich komme zum Tor.“

Dann stand ich auf. Das tat weh. Ich hatte mir ein Knie aufgeschlagen und Schürfungen an

beiden Händen. Zudem spürte ich, dass ein Knöchel verstaucht war. Ich schleppte mich zum

Tor. Herr Strauch sah mich bestürzt an. Er tat zum ersten Mal etwas wirklich Gutes. Er setzte

mich auf einen Stuhl und holte den Erste-Hilfe-Kasten aus seinem Auto. Ich habe auch einen

Erste-Hilfe-Kasten, aber das konnte ich ihm nicht sagen. Mir war etwas schlecht.

Er schien das Ganze unter Kontrolle zu haben.

Wer hätte gedacht, dass Herr Strauch einen ganzen Erste-Hilfe-Koffer in seinem Kombi hat.

Er machte sich mit einer Routine an die Arbeit, die mich erstaunte.

Er war bestens ausgerüstet. Bevor ich mich versah, wurde ich mit Eisspray,

Antianschwellspray, Bandagen und Pflastern versorgt.

„Warum können Sie das so gut?“

„Hätten Sie nicht gedacht, dass das Fussvolk vom Amt so was kann, was? Sind sich wohl

nur Chefärzte gewohnt. Nun, ich bin bei den Samaritern und Erste-Hilfe-Verantwortlicher in

unserem Amt.“

Seine Stimme war bereits wieder unfreundlich. Ich wollte mich verteidigen, doch ich fühlte

mich nicht in der Lage. Er verarztete mich schweigend weiter.

Dann stand er auf. „So, ich bring den Koffer in den Wagen. Zeigen Sie das heute oder

morgen einem Arzt. Sollte aber nichts sein. Doch ich will nicht haften. Wer weiss, ob Sie mir

nicht einen Adelsarzt auf den Hals hetzen, der mich dann wegen falscher Erstbehandlung

verklagt.“

Er ging raus. Ich sass da. Wut stieg in mir auf. Warum musste er so unfreundlich sein? Wer

war denn hier der mit den Vorurteilen? Ich sicher nicht.

Er kam zurück, reichte mir ein Bündel Papiere und ich musste den Erhalt quittieren.

„Ich muss gehen. Kommen Sie die Treppe hoch?“ fragte er noch.

„Ja. Danke.“

„Gut.“

Er war schon wieder auf dem Weg zum Auto. Ich stand auf, humpelte zum Tor und rief

„Herr Strauch, dafür, dass Sie mich so schrecklich finden, haben Sie mir wirklich sehr nett

geholfen. Das muss schwer für Sie gewesen sein. Ich danke Ihnen.“

Dann schloss ich das Tor. Ich bin eine Lady. Mit Tigertatzenhausschuhen.

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